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Soziale Ungleichheit in Deutschland – oder Armut vs. Reichtum?

Die Armut in Deutschland steigt – derartige Schlagzeilen sind wiederkehrend in Tageszeitungen zu lesen. Doch wie genau lässt sich Armut überhaupt messen und wie stellt sie sich in Deutschland konkret dar? Diesen Fragen widmet sich Buchautor und Professor Dr. Christoph Butterwegge in Anknüpfung an das Material des Monats.

Armut und Reichtum bilden zwei Seiten einer Medaille, die man als soziale Ungleichheit bezeichnet. Wenn das Thema der (wachsenden) Ungleichheit überhaupt Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet, kon-zentriert sich das Interesse vorwiegend auf Formen der Armut, denen auf karitativem Wege begegnet werden kann.

Ein Blick auf Deutschland: relative und absolute Armut in der Bundesrepublik

Differenziert wird zwischen absoluter, extremer oder existenzieller Armut einerseits sowie relativer Armut andererseits. Nach dieser Unterscheidung ist absolut, extrem oder existenziell arm, wer seine Grundbedürf-nisse nicht durch materielle oder immaterielle Ressourcen zu befriedigen vermag, also nicht genug zu essen, kein sicheres Trinkwasser, keine den klimatischen Verhältnissen angemessene Kleidung, kein Obdach und/oder keine medizinische Grundversorgung hat. Relativ arm ist hingegen, wer zwar seine Grundbedürf-nisse befriedigen, sich aber vieles von dem nicht leisten kann, was für die allermeisten Gesellschaftsmitglie-der als normal gilt, also beispielsweise nicht ab und zu ins Restaurant, ins Kino oder ins Theater gehen kann. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von mangelnder sozialer, kultureller und politischer Teilhabe.

Hierzulande manifestiert sich absolute Armut hauptsächlich in Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Wohnungs-los sind Menschen, die weder über selbstgenutztes Wohneigentum noch über ein Mietverhältnis verfügen, und deshalb in Notunterkünften leben oder bei Freunden und Bekannten Unterschlupf finden. Obdachlos sind Menschen, die auf der Straße leben und auf Parkbänken nächtigen. Wohnungs- und Obdachlose, Dro-genabhängige, „Straßenkinder“, bei denen es sich meist um obdachlose Jugendliche handelt, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, EU-Ausländer:innen ohne Sozialleistungsansprüche und illegalisierte Mig-rant:innen gehören zu den Hauptbetroffenen von absoluter, extremer bzw. existenzieller Armut.

Nach einem deutlichen Rückgang während der 1990er-Jahre gab es 2014 in Deutschland ca. 335.000 Woh-nungslose, vier Jahre später hatte sich ihre Zahl bereits mehr als verdoppelt. Für 2018 lag die Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, dem Dachverband der Initiativen im Bereich der Obdach- und Wohnungslosenhilfe, bei 678.000 Wohnungslosen, darunter 441.000 anerkannten Flüchtlingen. 41.000 Menschen, davon in manchen Großstädten fast die Hälfte osteuropäische EU-Bürger:innen, lebten vor der Covid-19-Pandemie auf der Straße. Unter den Betroffenen befanden sich immer weniger Obdachlose mit deutscher Staatsangehörigkeit. Gestiegen ist zuletzt die Zahl der Mittelschichtangehörigen, von Freiberuf-ler:innen, Soloselbstständigen und gescheiterten Existenzgründer:innen, die auf der Straße landen.

Laut einer EU-Konvention aus dem Jahr 1984 gelten Menschen in einem Mitgliedsstaat als armutsgefährdet oder -bedroht, die weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens (sog. Armutsrisiko-schwelle) zur Verfügung haben. Treffender wäre die Bezeichnung “relativ einkommensarm“, denn von weniger als 1.145 Euro – da lag die Armutsgefährdungsgrenze zuletzt für Alleinstehende in Deutschland – musste in aller Regel auch eine Wohnungsmiete bezahlt werden. 2021 wurde mit 16,9 Prozent der Bevölke-rung oder 14,1 Millionen Betroffenen ein historischer Höchststand im vereinten Deutschland erreicht.

Ein deutlich höheres Armutsrisiko wiesen Erwerbslose mit 49,4 Prozent, Alleinerziehende mit 42,3 Prozent und Nichtdeutsche mit 35,9 Prozent auf. Kinder, Jugendliche und Heranwachsende waren stark betroffen, während das Armutsrisiko der Senior:innen seit geraumer Zeit am stärksten zunimmt. Zu befürchten ist, dass die Zahl der Armutsgefährdeten oder -betroffenen aufgrund krisenbedingter Einkommensverluste in naher Zukunft weiter steigt.


Quelle: Statista

Faktencheck – Vermögensverteilung

Reichtum kennt im Unterschied zur Armut weder eine starre Mindest- noch eine absolute Höchstgrenze. Vermögen wirkt reichtumsfördernd und -erhaltend zugleich, Lohn oder Gehalt kann hingegen schlagartig entfallen, wenn die Einkommensquelle mit dem Arbeitsplatz oder dem eigenen (Klein-)Unternehmen, wie etwa in der Covid-19-Pandemie durch Entlassungen und Insolvenzen geschehen, schlagartig versiegt.

Im vergangenen Vierteljahrhundert hat die Vermögensungleichheit deutlich zugenommen. Führend auf dem Gebiet der Verteilungsforschung ist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zuletzt wurden die früheren DIW-Untersuchungsergebnisse im Rahmen eines Forschungsprojekts für den Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aktualisiert. Demnach entfallen heute 67,3 Prozent des Nettogesamtvermögens auf das oberste Zehntel der Verteilung, 35,3 Prozent des Nettogesamtvermögens konzentrieren sich beim reichsten Prozent der Bevölkerung und das reichste Promille kommt immer noch auf 20,4 Prozent des Nettogesamtvermögens.

Die soziale Ungleichheit im Zeichen der aktuellen Krisen

Die Covid-19-Pandemie, der Ukrainekrieg, die Energiepreisexplosion und die Inflation haben den ohnehin bestehenden Trend zur sozioökonomischen Polarisierung unterstützt. Die schwere wirtschaftliche Verwerfungen erzeugende Pandemie ließ das Kardinalproblem der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit, nicht bloß klarer ins öffentliche Bewusstsein treten, sondern wirkte auch als Katalysator des Polarisierungsprozesses, der dazu beitrug, sie weiter zu verschärfen. Wenn man so will, glich die Coronakrise einem Paternoster, der materiell Privilegierte nach oben und Unterprivilegierte zur selben Zeit nach unten beförderte.

Von den immensen Preissteigerungen betroffen sind hauptsächlich einkommensarme und armutsgefährdete Personengruppen, weil ihnen im Unterschied zu wohlhabenden Bevölkerungskreisen finanzielle Rücklagen fehlen. Lebensmitteltafeln, Pfandleihhäuser und Schuldnerberatungsstellen sind dem Ansturm kaum noch gewachsen. Längst breitet sich die Angst vor einem sozialen Abstieg oder Absturz auch in weiten Teilen der Mittelschicht aus.

Aufgrund der Energiepreisexplosion und anhaltender Mietsteigerungen dürfte die Zahl der Wohnungskündigungen, Räumungsklagen und Zwangsräumungen erheblich zunehmen. Steigen wird daher vermutlich auch die Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen, welche man für das Jahr 2020 auf 45.000 schätzte. Falls relative Armut verstärkt in absolute, existenzielle oder extreme Armut umschlägt, werden Not und Elend deutlicher im Stadtbild sichtbar.

Gleichzeitig wächst die statistisch nicht erfasste und auch nur schwer erfassbare, weil eher verborgene Armut solcher Menschen, deren Einkommen zwar klar über der Armutsrisikoschwelle liegt, aber wegen steigender Ausgaben trotzdem nicht mehr ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Energiearmut, von der man spricht, wenn die Kosten für Haushaltsenergie mehr als 10 Prozent des Nettoeinkommens verschlingen, kann zur neuen Normalität werden. Zu befürchten ist, dass sich Wohn-, Energie- und Ernährungsarmut zu der sozialen Frage schlechthin entwickeln.

Über den Autor:
Prof. Dr. Christoph Butterwegge hat von 1998 bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Zuletzt sind von ihm die Bücher „Ungleichheit in der Klassengesellschaft“, „Kinder der Ungleichheit. Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt“ und „Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona“ erschienen.

Tipp

Material des Monats: Arm und Reich: Wo besteht soziale Ungleichheit in Deutschland?

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